Venetien
Baccalà mantecato, Radicchio Tardivo, Palladio-Villen: In Venetien kann man zwischen Cicchetti, melancholischen Fischer-Traditionen der adriatischen Lagune über meisterhaften Bauten von Carlo Scarpa viel entdecken.
Venetien ist eine Region, die ihre Identität auch aus ihren Gegensätzen zieht. Im Westen liegt der Gardasee mit seinem fast mediterranen Mikroklima, im Osten die melancholische Weite der adriatischen Lagunen und Venedig. Dazwischen erstreckt sich das weite, von unzähligen Flüssen durchkreuzte Flachland der Po-Ebene, das nach Norden hin abrupt in die Bergwelt und Felswände der Dolomiten übergeht.
Cicchetti-Kultur
An den wasserumspülten Rändern der Region regiert die Adria. In den Fischerorten und entlang der Kanäle Venedigs hat sich eine klassisch elegante Fisch- und Meeresfrüchteküche erhalten. Hier gehören Muscheln, Anchovis, Meergrundeln, kleine Lagunenkrabben und die zarten Schie-Garnelen zum kulinarischen Alltag.
Sehr gut zu beobachten ist das auch beim abendlichen Aperitivo in den traditionellen Bàcari-Bars der Lagunenstadt. Zum Glas Wein – dem Ombra – isst man Cicchetti, kleine, kunstvoll belegte Brote oder Polenta-Schnittchen. Besonders wichtig ist dabei der Baccalà mantecato, eine schneeweiße, cremig-luftig aufgeschlagene Mousse aus Stockfisch und feinstem Olivenöl, die ganz ohne Milch oder Sahne auskommt. Ebenfalls omnipräsent sind die geschichtsträchtigen Sarde in saor – ein altes Seefahrergericht aus frittierten Sardinen, die in einer süß-sauren Marinade aus reichlich weißen Zwiebeln, Essig, Rosinen und Pinienkernen eingelegt werden.
Die Vielfalt des Radicchio
Das Binnenland hingegen kocht deftig, geprägt von Jagd, Viehzucht und den Erträgen der fruchtbaren Böden. Hier sind Fegato alla veneziana beliebt– zarte Kalbsleber mit süßen Zwiebeln und Essig.
Die Böden liefern außerdem erstklassigen Risotto-Reis, weißen Spargel und Erbsen. Undenkbar ist der Veneto ohne Radicchio. Das bittere Gemüse wird hier in so vielen Varietäten kultiviert, dass es einen staunen lässt. Der berühmteste ist der Radicchio Rosso di Treviso Tardivo. In einem aufwendigen Handwerk werden die Pflanzen im fließenden Quellwasser gebleicht.
Berühmte Bigoli
Die Pastakultur drückt sich vor allem in den Bigoli aus. Die Nudeln ähneln dicken Spaghetti, besitzen aber eine rauere Struktur, werden oft mit Ei oder Buchweizenmehl hergestellt und traditionell durch eine schwere Handpresse, den Bigolaro, gedrückt. Man serviert sie klassisch In Salsa mit einer dichten Sauce aus geschmolzenen Sardellen und Zwiebeln oder mit einem kräftigen Entenragù.
Auch reifen im Veneto berühmte Käsesorten wie der charakterstarke Asiago oder der Monte Veronese aus den Lessinischen Bergen oberhalb von Verona, die sehr gut mit den milden Fagioli di Lamon-Bohnen aus dem Raum Belluno korrespondieren.
Große Empfehlung: IM September nach Sandrigo zur traditionsreichen Festa del Baccalà alla Vicentina reisen. Hier wird der Stockfisch über Stunden ganz sanft mit Milch, Sardellen und Grana Padano geschmurgelt, bis er fast mit der dazu gereichten Polenta verschmilzt.
Wiege des Tiramisù
Dass Österreich und Slowenien nicht weit sind, spürt man schließlich im Nordosten an der Grenze zum Friaul: Hier dominieren frittierte süße Teigspeisen, Apfelstrudel, Palatschinken und dampfenden Buchteln.
Architektonische Geheimtipps
Dass viele Reisende das venezianische Hinterland links liegen lassen, ist ein großes Versäumnis. Entlang der Riviera del Brenta, von Venedig bis nach Padua, gleicht die Landschaft mit ihren fast 4.000, teils melancholisch verfallenen Palladio-Villen einem architektonischen Freilichtmuseum. Hier hat auch der Bildhauer Antonio Canova seine Spuren hinterlassen: Nahe dem ansonsten stillen Ort Possagno erhebt sich ein majestätischer, Pantheon-ähnlicher Tempel, der zugleich seine Grabkirche ist, flankiert von seinem Geburtshaus.
Im Veneto hat auch der Architekt Carlo Scarpa gelernt. Sein eleganter Showroom für Olivetti ist direkt am Markusplatz zu finden, doch sein brutalistisches Meisterwerk liegt versteckt in der Provinz: die Tomba Brion bei Asolo, ein wunderschöner, meditativer Friedhof.
Fondazione Bisazza
Wer modernem Interieur und der rauen Realität Italiens zugetan ist, findet den finalen Höhepunkt in einer zutiefst trist anmutenden Gewerbegebiets-Peripherie bei Vicenza. Dort liegt, angeschlossen an die Produktionsstätte der weltbekannten Fliesenfirma, die Fondazione Bisazza. Schon das monumentale Portal und der Parkplatz lohnen die Fahrt. Im Inneren offenbart sich ein glänzendes Zusammenspiel aus monumental inszenierter Mosaikkunst, zeitgenössischer Fotografie und Rauminstallationen internationaler Künstler, die die ästhetische Historie des Hauses bis heute prägen.